Mindestmengen verbessern nicht die Qualität geburtshilflicher Abteilungen – Hebammenverband Schleswig-Holstein e.V. kritisiert Aussagen von Ministerpräsident Torsten Albig

Im Kandidatenduell des NDR am 25.04.17 hat Ministerpräsident Torsten Albig behauptet, die Qualität geburtshilflicher Einrichtungen stehe in Relation zur Anzahl von Geburten. Albig riet davon ab, kleine Stationen für Geburten aufzusuchen und rechtfertigte so die Zentralisierung der Geburtshilfe in Schleswig-Holstein. […]

Im Kandidatenduell des NDR am 25.04.17 hat Ministerpräsident Torsten Albig behauptet, die Qualität geburtshilflicher Einrichtungen stehe in Relation zur Anzahl von Geburten. Albig riet davon ab, kleine Stationen für Geburten aufzusuchen und rechtfertigte so die Zentralisierung der Geburtshilfe in Schleswig-Holstein. „Eine Geburt ist nicht zu vergleichen mit einer Hüft- oder Knieoperation, die ich in einer darauf spezialisierten Klinik durchführen lasse“, entgegnet Anke Bertram, erste Vorsitzende des Hebammenverbandes Schleswig-Holstein. „Für Geburten ist eine wohnortnahe Versorgung mit Hebammenhilfe relevant. Nur bei Problemen in der Schwangerschaft oder bei kranken Kindern muss eine Behandlung in spezialisierten Klinken mit entsprechender Expertise und Erfahrung stattfinden.“

Die meisten Frauen erleben jedoch eine normale Schwangerschaft und erwarten ein gesundes Kind. Sie können ihre Kinder daher ebenso sicher oder sicherer in kleinen Geburtsstationen oder sogar zu Hause zur Welt bringen. Eine Studie des AQUA-Instituts für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen bestätigt: Lediglich in der Risikogeburtshilfe, wie zum Beispiel bei Frühgeburten, sei die Entbindung in einer Klinik mit hohen Geburtenzahlen angeraten.

Zudem bedeutet die Zentralisierung der Geburtshilfe für viele Schwangere lange Anfahrtswege bis in die nächste geburtshilfliche Klinik. Laut Wahlprogramm der SPD steht daher der bedarfsgerechte Ausbau von Boarding-Angeboten im Vordergrund. Dieses Angebot einer Unterbringungen nahe eines entsprechenden Krankenhauses gibt es bereits für schwangere Frauen der nordfriesischen Inseln und Halligen: Ihnen wird empfohlen, ihr Zuhause und ihre Familie zwei Wochen vor errechnetem Geburtstermin zu verlassen. Ursprung des sogenannten „Boarding“ liegt in der Entwicklungshilfe, um Frauen unter der Geburt nicht Wüsten oder Gebirge durchwandern zu lassen. „Mit steigender Entfernung zur nächsten Entbindungsklinik steigt die Gefahr von Zwischenfällen auf dem Transportweg signifikant“, so Bertram. Notfallpläne seien dabei kein Ersatz für wohnortnahe Versorgung. Denn bei Komplikationen hilft nur ein gut ausgebildetes Team in einer entsprechend ausgerüsteten Einrichtung in erreichbarer Entfernung – unabhängig von der Geburtenzahl.

Anke Bertram
1.Vorsitzende des Hebammenverbandes Schleswig-Holstein e. V.
Jap-Peter-Hansen-Wai 2
25980 Sylt / OT Westerland
Tel./Fax: 04651-957944
a.bertram@hebammen-sh.de
www.hebammen-sh.de


Zurück